Neue AKW machen uns abhängig vom Ausland
Atomkraftwerke benötigen bekanntlich Uran. Die Schweiz importiert den Brennstoff zu grossen Teilen aus Russland und Kasachstan. Doch nicht nur bei der Beschaffung des Urans, auch bei der Nukleartechnologie bestehen grosse Abhängigkeiten. Wer ein AKW bauen will, beauftragt als Lieferanten Atommächte wie Frankreich oder die USA – oder begibt sich in die Fänge des russischen Staatskonzerns Rosatom.
Atomstrom ist Importstrom
Die Schweiz verfügt weder über eigene Uranvorkommen noch über die Technologie, um Uran anzureichern oder Brennelemente herzustellen. Wer hierzulande Atomstrom produziert, ist vollständig auf Importe angewiesen – für die gesamte Betriebsdauer eines AKW, also für viele Jahrzehnte. Auch beim Betrieb eines neuen Reaktors kämen die Brennstäbe, unverzichtbare Ersatzteile und das Wartungs-Know-how aus dem Ausland.
Der globale Markt für neue Atomkraftwerke ist stark konzentriert und wird von China und Russland dominiert, wie der World Nuclear Industry Status Report (WNISR) 2025 detailliert darlegt. China baut hauptsächlich im Inland: Stand Februar 2026 sind 36 chinesische AKW im Bau.
Russland hingegen beherrscht den Weltmarkt: Der Staatskonzern Rosatom hat 22 Reaktoren ausserhalb Russlands bereits gebaut, im Bau oder fest zugesagt (u.a. in der Türkei, in Ägypten, in Bangladesch und in Ungarn). Rosatom kontrolliert rund 70 Prozent der weltweiten Neubau-Aufträge für AKW und setzt dabei auf das Geschäftsmodell «Build-Own-Operate»: Der Atomkonzern baut das Kraftwerk auf eigene Kosten, behält das Eigentum und betreibt es langfristig, während der Partnerstaat den Strom zu festen Preisen abnehmen muss. Mit dieser Strategie verschafft sich Russland regionalen Einfluss und Macht.
Allgemein drohen bei geopolitischen Spannungen oder Handelskonflikten Lieferengpässe für Uran, Ersatzteile und Wartungsdienste. Der WNISR warnt, dass der globale Markt auf eine Handvoll Anbieter geschrumpft ist: Nur 5 bis 6 Länder bieten vollständige Lieferketten im Bereich der Atomtechnologie an, und westliche Firmen verlieren rapide an Marktanteilen. Atomkraft mag zwar Strom produzieren, doch sie macht uns direkt und in hohem Masse abhängig von Grossmächten wie Russland, China, Frankreich und den USA.
Uran: eine Lieferkette der Zerstörung
Die Erzeugung von Atomstrom beginnt nicht im Reaktor, sondern in Uranminen tausende Kilometer entfernt – wo Mensch und Umwelt einen hohen Preis bezahlen. Rund 70 Prozent der weltweiten Uranvorkommen liegen unter dem Land indigener Gemeinschaften, und der Abbau ist eine schmutzige Angelegenheit, die in vielen Fällen zur Verstrahlung der umliegenden Gebiete führt. Der Uran-Atlas zeigt die wichtigsten Abbaugebiete der Welt und die Folgen der Verschmutzung.
Abgebaut wird Uran im Tagebau, bei dem riesige Krater in die Landschaft gefräst und gewaltige Mengen Gestein gesprengt und zermahlen werden – oder im Untertagebau, wo Arbeiter radioaktivem Staub und Radongas ausgesetzt sind. Zunehmend wird auch sogenanntes «In-situ-Leaching» eingesetzt: Dabei werden Chemikalien wie Schwefelsäure direkt in den Untergrund gepumpt, um das Uran aus dem Gestein zu lösen. Anschliessend wird es an die Oberfläche gebracht.
Zurück bleiben kontaminierte Böden und gewaltige Abraumhalden, die noch über Generationen radioaktive Stoffe freisetzen können. Verseuchtes Grundwasser, radioaktiver Staub in der Luft und ungesicherte Abfallbecken sind keine Einzelfälle, sondern systemische Folgen dieser Fördermethoden. Für die Menschen vor Ort bedeutet diese Lieferkette zerstörte Lebensgrundlagen, gesundheitliche Risiken und bleibende Umweltschäden.
Doch die Lieferkette endet nicht bei der Mine. Uran muss weiterverarbeitet, angereichert, transportiert und bewacht werden – über Tausende von Kilometern, durch geopolitisch fragile Regionen, über Häfen, Schienen und Grenzen. Jeder Transport ist ein Risiko, jede Zwischenstation ein potenzieller Engpass, jede politische Krise eine Bedrohung für die Versorgung. Und in der Mitte dieser globalen Infrastruktur steht ein Akteur, an dem kaum jemand vorbeikommt: Rosatom.
Putins Atomimperium: Business und Krieg
Rosatom ist eine staatliche Krake mit über 460 Unternehmen weltweit und rund 360’000 Mitarbeitenden – ein Konzern, der sowohl das zivile als auch das militärische Atomprogramm Russlands kontrolliert. Als Erbin des sowjetischen Atomministeriums untersteht Rosatom direkt der russischen Regierung und ist weltweit ein zentraler Player im Nukleargeschäft. Rosatom ist weltweit die Nummer eins für die Anreicherung von Uran und die Nummer zwei bei den Uranreserven. Gleichzeitig trägt Rosatom die Verantwortung für das grösste Atomwaffenarsenal der Welt. Kein gewöhnliches Energieunternehmen also, sondern ein Instrument des Kreml – eingebettet in Putins Machtapparat und verknüpft mit seiner Kriegsführung.
Im Krieg gegen die Ukraine zeigt sich, wie eng die zivile und militärische Macht verflochten ist. Rosatom hat nachweislich Technologien an das russische Militär geliefert – Präsident Putin selbst lobte den Staatskonzern für seine Beiträge zur Entwicklung «moderner Waffensysteme». Während Bomben auf ukrainische Städte fielen, war Rosatom beim Sturm auf das Tschernobyl-Gelände beteiligt und übernahm später die Kontrolle über das Atomkraftwerk Saporischschja, das grösste Europas. Dort zeigt sich das wahre Gesicht von Rosatom: Energieproduktion ist zweitrangig – Hauptzweck ist die Durchsetzung russischer Machtansprüche.
Auch die Schweiz steckt mitten drin
Die Schweiz gibt sich neutral – ihr Atomstrom ist es nicht. Bis 2024 bezog das AKW Beznau 100 Prozent seines Kernbrennstoffs aus Russland, Leibstadt 50 Prozent. Die Energiestiftung hat Axpo-Berichte, Handelsstatistiken und technische Daten ausgewertet: Von 2022 bis 2024 flossen jährlich rund 50 Millionen Franken von der Axpo – im Besitz der Kantone – direkt an Rosatom. Oder anders gesagt: Mit dem Bezahlen der Stromrechnung füllen Einwohner:innen der Schweiz die russische Kriegskasse.
2025 hat die Axpo neue Verträge mit Kanada und Kasachstan abgeschlossen. Doch eine Entkopplung vom russischen Einfluss ist im Fall von Kasachstan – dem weltweit grössten Uranproduzenten – kaum möglich. Russland ist der wichtigste politische und militärische Partner des Landes. Der russische Staatskonzern Rosatom beteiligt sich über Joint Ventures direkt an der kasachischen Uranproduktion, kontrolliert zentrale Transportwege und verdient an der Logistik.
Wer meint, die Schweiz könne sich einfach andere Lieferketten erschliessen, täuscht sich. Auch die AKW unseres Nachbarn Frankreich sind direkt mit Rosatom verknüpft, wie Recherchen zeigen. Die Nuklearsparte ist bislang von jeglichen Sanktionen im Zuge des Kriegs in der Ukraine ausgenommen.
Wir haben die Wahl
Mit neuen AKW verbauen wir uns den Weg zu einer sicheren Stromversorgung und machen uns abhängig von Atomstaaten wie Russland und den USA. Beim Zollstreit mit den USA wie auch beim Kauf der F35-Kampfjets hat die Schweiz die ernüchternde Erfahrung gemacht, dass sie einer Grosssmacht praktisch schutzlos ausgeliefert ist. Mit den grossen Abhängigkeiten im Bereich der Atomtechnologie wird die Schweiz erpressbar im vulnerablen und existenziellen Bereich der Energieproduktion.
Wer eine unabhängige Schweizer Stromversorgung bevorzugt, setzt auf einheimische, erneuerbare Energien. Auf sauberen Solarstrom vom Dach statt auf umweltschädliches Uran aus den Minen von Rosatom. Auf eine Energiepolitik, die dem Frieden förderlich ist, und die Umweltschutz und Menschenrechte respektiert.