Atommüll: Toxisches Erbe ohne Lösung
Der Strom aus Atomkraftwerken hat einen hohen Preis: er hinterlässt radioaktiven Abfall, der über hunderttausend Jahre gefährlich bleibt. Von Stoffen wie Cäsium-137 oder Plutonium-239 geht radioaktive Strahlung aus, die Zellen zerstört und Krebs auslöst. Zwar wird ein Tiefenlager für radioaktiven Abfall geplant, ob es funktioniert ist jedoch noch nicht absehbar – und: Das Lager hat keinen Platz für zusätzlichen Abfall aus neuen Atomkraftwerken.
Radioaktive Stoffe sind hochgefährlich und beschäftigen die Menschheit noch über hunderte von Generationen – sie fallen beim Betrieb jedes AKW als Abfallprodukt an.
Für deren Entsorgung wird seit Jahrzehnten eine Lösung gesucht – bisher ohne Erfolgsmeldung.
In der Schweiz existiert zwar ein Projekt für ein Tiefenlager in der Region nördlich Lägern, viele Fragen bleiben aber offen und in der Bevölkerung regt sich bereits der Widerstand.
Ein neues Schweizer AKW würde neuen Abfall verursachen – im geplanten Tiefenlager hat es aber gar keinen Platz mehr, was neue Probleme verursacht.
Radioaktivität – eine toxische Sache
Auch wenn unsichtbar und geruchslos: Die Exposition gegenüber Radioaktivität in hohen Dosen wirkt schnell tödlich. Das mussten die sogenannten Liquidatoren, die in Tschernobyl praktisch schutzlos zu Aufräumarbeiten am explodierten Reaktor abkommandiert wurden, am eigenen Leib erfahren.
Beim Betrieb von Atomkraftwerken wird die Instabilität von Atomkernen wie z.B. von Uran, für eine kontrollierte Kettenreaktion genutzt. Beim Zerfall der Atomkerne wird viel Energie in Form von Strahlung frei. Dringt diese in den Körper ein, werden Zellen und Erbinformationen auf der DNA geschädigt, was bei hohen Dosen zu direkter Verstrahlung bei niedrigen Dosen zu Krebs führen kann. Die bei der Kernspaltung entstehenden Abfallprodukte sind ebenfalls radioaktiv und teilweise hochgefährlich. Plutonium beispielsweise ist die Grundzutat für die Atombombe. Gewisse Stoffe zerfallen schnell, andere strahlen eine Million Jahre lang.
Noch gibt es viel Forschungsbedarf im Zusammenhang mit Radioaktivität und Krebs – doch die Wissenschaft ist sich weitgehend einig, dass es keine unbedenklichen Dosen an Radioaktivität gibt. Die Atomlobby versucht das seit Jahren anzugreifen und verharmlost die Wirkung von niedriger Strahlung. Dies verhöhnt die tägliche Realität zahlreicher Menschen, die an Orten früherer Atomtests in Kasachstan oder der Südsee leben und von der Radioaktivität schwer gezeichnet sind.
Leidvolle Geschichte
Bis in die 1980er-Jahre versenkte man Atommüll im Atlantik: Über 200'000 Fässer landeten auf dem Meeresboden, darunter über 7'000 aus der Schweiz. Heute ist unklar: Halten die Fässer dicht? Wird der Untergrund bereits verstrahlt? Niemand weiss es genau und einige fordern, dass die Fässer wieder zusammengesucht und gehoben werden sollen.
Die Geschichte ist voll von missglückten Versuchen, den radioaktiven Atommüll für Generationen wegzusperren. Im ehemaligen deutschen Salzbergwerk Asse wurden Ende 1960er Jahre Fässer eingelagert, die bald darauf zu lecken begannen und in der Folge das Grundwasser verschmutzten. Eine erster Versuch, die Fässer wieder zu heben, scheiterte, da dabei eine noch grössere Verschmutzung drohte. Die Bergung ist nun für 2033 vorgesehen – bei veranschlagten Kosten von 4 bis 10 Milliarden Euro.
Schweizer Atommülllager für die Ewigkeit?
Auch in der Schweiz sucht die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle «Nagra» seit 1970 einen Ort für den Schweizer Atommüll. Nachdem sie zuerst Benken im Zürcher Weinland und dann den Wellenberg im Kanton Nidwalden als besten Ort erkoren hat, bevorzugt sie aktuell "Nördlich Lägern" bei Stadel im Kanton Zürich. Der dort dominierende Opalinuston soll die Abfälle für die nächste Million Jahre sicher und unwiderruflich einschliessen. Auch hier sind die Kosten horrend: Mindestens 20 Milliarden werden wir mit unseren Stromrechnungen am Ende für das Tiefenlager bezahlen. Kritiker erwarten eine Kostenexplosion, wenn der Bau und die Einlagerung erst einmal begonnen hat. Auch die Zeitdimensionen sind riesig: Die Einlagerung der hochradioaktiven Abfälle soll ab 2060 beginnen. Bis dahin lagern sie in einem relativ schwach geschützten Zwischenlager bei der Forschungsanstalt PSI in Würenlingen.
Im November 2024 hat die Nagra ihr umfangreiches Rahmenbewilligungsgesuch (über 30'000 Seiten) für das Tiefenlager beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) eingereicht. Das ENSI prüft nun Geologie, Sicherheit und Langzeitprognosen – ein mehrjähriger Prozess bis Ende 2028, danach beugen sich Bundesrat und Parlament über das Projekt, das dem fakultativen Referendum unterliegt. In der Umgebung von Stadel organisiert sich mittlerweile der Protest und Anwohner haben bereits angekündigt, Unterschriften sammeln zu wollen.
Die Nagra hat zwar viele Untersuchungen zum Wirtgestein gemacht, doch beim Lagerkonzept, den Lagerbehältern und dem Prozess der Einlagerung ist noch vieles unklar und die Bevölkerung vor Ort wird kaum die Katze im Sack kaufen wollen. Die Einlagerung für schwach strahlende Abfälle startet ab dem Jahr 2050, der endgültige Verschluss soll 2115 nach 50 Jahren Beobachtung stattfinden. Unklar bleibt, was danach passiert: Welche Langzeitbeobachtung bleibt vorgeschrieben – und was passiert, wenn sich Lager oder Wirtgestein nicht wie vorhergesagt verhalten? Und wie soll das hohe Gefahrenpotenzial gekennzeichnet werden, damit dieses in ein paar tausend Jahren von den Menschen noch begriffen wird?
Verantwortung gegenüber Generationen
Ein zentrales Versprechen im Zusammenhang mit dem Endlager ist die sogenannte Rückholbarkeit. Sie soll sicherstellen, dass der Atommüll im Falle technischer Probleme, neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder gesellschaftlicher Neubewertungen wieder geborgen werden kann. In der Theorie klingt das beruhigend. In der Praxis ist Rückholbarkeit jedoch zeitlich, technisch und organisatorisch stark begrenzt. Je tiefer und länger der Abfall im Untergrund lagert, desto schwieriger, gefährlicher und kostspieliger wird eine Rückholung. Gesteinsbewegungen, Korrosion der Behälter und das allmähliche Verschliessen der Stollen durch geologische Prozesse setzen dieser Option enge Grenzen.
Das geplante Endlager ist eine Entscheidung mit einem Zeithorizont, der alles übersteigt, was menschliche Gesellschaften bislang verantworten mussten. Der dort eingelagerte Abfall bleibt länger gefährlich, als jede bekannte Zivilisation existiert hat. Heutige Generationen tragen damit eine enorme Verantwortung gegenüber Menschen, die weder von der Nutzung der Atomenergie profitiert noch Einfluss auf diese Entscheidungen hatten. Sie müssen mit den Risiken leben, die andere eingegangen sind, ohne die Vorteile genossen zu haben.
Neue AKW = Neue Lagersuche
Nagra-Chef Matthias Braun liess im Herbst 2024 in der NZZ eine kleine Bombe platzen: "In unserem Tiefenlager hat es keinen Platz für den Abfall von neuen Kernkraftwerken." Damit wird klar: Baut die Schweiz neue AKW, braucht sie auch einen neuen Platz für den radioaktiven Abfall. Auch wenn die Gesteinsschichten in nördlich Lägern grundsätzlich wohl genügend mächtig wären, um noch mehr Abfälle aufzunehmen, sollten Eingriffe nach dem Einlagerung für das erste Lager auf ein Minimum reduziert werden, um das Wirtsgestein nicht zu schädigen. Ein länger geöffnetes Lager wiederum, in das über die nächsten Jahrhunderte hochgefährliche Stoffe eingelagert würden, wäre wiederum eine sehr grosse Belastung für die lokale Bevölkerung, da ein endgültiger Einschluss damit über lange Zeit ausbleiben würde. Neue AKW bedeuten deshalb auch einen Neustart auf der Suche nach einem Endlager auf Feld 1.