Neue AKW erhöhen das Risiko für nukleare Katastrophen
Die Schweiz ist klein, dicht besiedelt und verwundbar. Ein grosser Unfall wie der von Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 würde die Schweiz in ihrer Existenz gefährden und Schäden in Billionenhöhe verursachen. Atomkraft ist im Unterschied zu den Erneuerbaren eine Technologie mit einem Restrisiko – sie ist eine Wette auf die Kontrolle. Gerade in kriegerischen Zeiten stellen Atomkraftwerke ein einfaches, verwundbares Ziel dar.
Bei der Atomtechnologie schwingt immer ein Restrisiko mit –- insbesondere gegen einen kriegerischen Angriff ist kein einziges AKW der Welt gewappnet.
Dieses hat zu den Katastrophen in Fukushima und Tschernobyl geführt, die bis heute höhere Krebsraten zur Folge haben - aber auch in der Schweiz gab es schon eine Kernschmelze.
Die Schweiz ist aufgrund ihrer dichten Besiedlung und der Kleinheit besonders verwundbar.
Auch bei neuartigen Reaktorkonzepten bleiben Fragezeichen und Restrisiken. Demgegenüber sind erneuerbare Technologien praktisch risikolos.
Eine Frage der Kontrolle
«Sirenen zerschneiden die Luft, während die Operateure, von Schweiss überströmt, verzweifelt gegen den ausser Kontrolle geratenen Reaktor kämpfen. Doch es ist zu spät: Die Kernschmelze in den Uranbrennstäben hat bereits eingesetzt. Eine gewaltige Explosion reisst bald darauf die 60 Zentimeter dicke Reaktorwand weg – und katapultiert über eine Tonne radioaktives Material mit brutaler Wucht durch die Kaverne.»
Das ist keine Schilderung aus Tschernobyl oder Fukushima - sondern aus der Schweiz. In Lucens im Waadtland explodierte 1969 ein Versuchsreaktor. Glücklicherweise wurde der Reaktor, der rund 100 mal kleiner als das AKW Gösgen war, in einer Felskaverne gebaut, so dass der Fels und die äusseren Sicherheitsschleusen einen grösseren Austritt von Radioaktivität ins Umland verhinderten. Als Standort wurde in den 1960er-Jahren jedoch auch das Untergeschoss der Polyterrasse bei der ETH mitten im Zürcher Stadtzentrum in Betracht gezogen…
Die Episode zeigt: Atomenergie ist eine Wette auf die Kontrolle. Eine kontrollierte Kettenreaktion von Atomkernspaltungen, bei der Energie frei wird. Verläuft sie unkontrolliert, zum Beispiel, weil die Kühlung aussetzt, kommt es zu einer Explosion und der Freisetzung radioaktiver Materialien - wie bei einer Atombombe. Auch wenn Sicherheitsbarrieren seit Lucens den Betrieb von Atomreaktoren viel sicherer gestalten – ein Restrisiko bleibt. Und genau wie Lucens waren auch die Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 vor ihrem Eintreten undenkbar und in keiner Risikoanalyse abgebildet gewesen.
Der lange Atem von Strahlung
Die Super-GAU in Tschernobyl und Fukushima haben hunderttausende in die Flucht gezwungen und verursachen insbesondere im Fall von Tschernobyl bis heute Leid und Tod – z.B. durch höhere Schilddrüsenkrebsraten. Die japanische Bevölkerung hatte im Falle von Fukushima Glück im Unglück, dass der Wind zum Zeitpunkt des grössten Fallouts radioaktiver Stoffe Richtung Westen, d.h. Richtung Pazifik wehte. Langzeitauswirkungen zu den beiden Unglücken können bislang nur ansatzmässig abgeschätzt werden. Auch in der Schweiz zeigt sich, dass sich strahlenbedingte Krankheiten und die Säuglingssterblichkeit seit Tschernobyl zugenommen haben.
Verwundbare Schweiz
In Ländern wie Kanada oder den USA existieren Vorgaben, die neue Atomkraftwerke auf Standorte mit kontrollierbarer Bevölkerungsdichte reduzieren. In der Schweiz stehen die laufenden AKW, deren Standorte auch für neue AKW favorisiert werden, mitten im dicht besiedelten Mittelland. Simulationen des Institut Biosphère in Genf (2019 und 2025) oder des Instituts für Bodenkultur in Wien (2013) zeigen: Ein grösserer Austritt von Radioaktivität aus einem Schweizer AKW würde die Schweiz in eine Ost- und Westschweiz zerteilen und schnell grosse Gebiete der Schweiz und Zentraleuropas verseuchen. Würde radioaktives Material in die Aare oder den Rhein gelangen, die heute zur Kühlung der AKW genutzt werden, wäre binnen Stunden auch der Grossraum Basel betroffen. Damit nicht genug: Schweizer Notfallpläne sind kaum auf eine solche Katastrophe ausgerichtet, so ist eine schnelle Evakuation der Städte Bern und Zürich gar nicht möglich.
Die wirtschaftlichen Folgen eines Unfalls wären verheerend. In einem Bericht aus dem Jahr 2015 bezifferte der Bundesrat das Schadenspotenzial eines Super-GAUs in der Schweiz auf 88 bis 8’000 Milliarden Schweizer Franken!
Wissenschaftler:innen der Universität für Bodenkultur Wien erarbeiteten 2013 ein Computermodell, das die Auswirkungen schwerer Unfälle für alle europäischen Atomkraftwerke abschätzen helfen sollte. Es basiert auf tatsächlichen Wetterlagen. Hier: Simulationen der Bodenkontamination mit Cs‑137 nach Unfall im AKW Leibstadt.
Neue Gefahren
Atomkraftwerke sind einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt – natürlichen, menschengemachten oder gezielt herbeigeführten. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen oder extreme Wetterereignisse können Reaktoren unbeherrschbar machen, wie der Tsunami von Fukushima zeigte. Aber auch menschliches Versagen birgt erhebliche Risiken: Der Super-GAU von Tschernobyl ist ein mahnendes Beispiel für die Folgen von Bedienfehlern.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht zudem fest: Atomkraftwerke sind potenzielle Ziele für Sabotage, Cyberangriffe oder gezielte Flugzeugabstürze – Angriffe, die Sicherheitsbarrieren direkt angreifen. Der Krieg in der Ukraine hat eine weitere Dimension der Gefahr offenbart: Kampfhandlungen machen auch vor AKW nicht halt. Das ukrainische Kraftwerk Saporischschja, obwohl längst abgeschaltet, bleibt ein Sicherheitsrisiko für die gesamte Region, da abgebrannte Brennstäbe weiterhin gekühlt werden müssen. Kein Atomkraftwerk weltweit ist darauf ausgelegt, einem militärischen Angriff standzuhalten. Die von solchen Anlagen ausgehende Bedrohung macht ganze Länder erpressbar.
Die Lehren aus vergangenen Unfällen und Krisen haben zwar zu Nachrüstungen und strengeren Sicherheitsvorgaben geführt – was die Baukosten neuer AKW in die Höhe trieb. Doch parallel entstehen neue Risiken, die im Ernstfall nicht zu kontrollieren sind.
Neue Reaktoren, alte Probleme
Angesichts neuer Gefahren wiegt schwer, dass Atomkraftwerke meist länger laufen, als ursprünglich vorgesehen. Dies gilt besonders für die Schweiz, wo der älteste AKW-Park der Welt steht. Auch wenn viel nachgerüstet wurde: Die konzeptionellen Grundsätze der Anlagen stammen aus den 1960ern und 1970ern und können nicht nachgerüstet werden. So ist beispielsweise das Brennelementabklingbecken weniger gut geschützt, als der Reaktorkern, weist jedoch ein sehr hohes Gefahrenpotenzial aus. Über die Jahre haben sich so viele Defizite gegenüber dem neuestem Stand der Wissenschaft angehäuft.
Als Antwort auf die Gefahren herkömmlicher Atomkraftwerke verweisen Befürworter neuer Anlagen gern auf neue Reaktorkonzepte: Small Modular Reactors, Flüssigsalzreaktoren, Hochtemperaturreaktoren oder Thorium-Konzepte. Neu und bewährt sind diese Konzepte aber nicht. Seit Jahrzehnten werden sie erforscht und wieder verworfen. Eine Übersicht im Auftrag der deutschen Regierung zeigt: Aktuell ist kein einziges dieser Konzepte so umgesetzt worden, dass es zugleich wirtschaftlich tragfähig, technisch ausgereift und sicherheitspolitisch unbedenklich wäre. Auch neue Reaktoren sind darüber hinaus hochkomplexe Konstruktionen, die Risiken mit sich bringen. Flüssigsalzreaktoren arbeiten mit chemisch aggressiven Substanzen, die Materialfragen aufwerfen. Auf die Schweiz verteilte Small Modular Reactors bedeuten mehr Standorte, mehr Transporte, mehr potenzielle Angriffspunkte. Für Technologien, die auf Thorium basieren, müssen erst völlig neue Brennstoff-Lieferketten etabliert werden.
Warum Risiko, wenn es ohne geht?
Erneuerbare Energien funktionieren grundlegend anders: dezentral, überschaubar, kontrollierbar. Windräder, Solaranlagen und Wasserkraftwerke erzeugen Strom, ohne jede Gefahr einer grossflächigen Kontamination. Ihre Wirkung bleibt räumlich begrenzt und technisch kontrollierbar. Sollte es zu einem Ausfall oder zu Schäden an einzelnen Anlagen kommen, können diese lokal repariert oder ersetzt werden.
Solar, Wind, Wasser: Ein erneuerbares Energiesystem stärkt die Versorgungssicherheit, weil sie weniger anfällig für einzelne Aus- und Störfälle ist. Gerade für ein kleines, dicht besiedeltes Land wie die Schweiz bedeutet Dezentralität Stabilität: Energie entsteht dort, wo sie gebraucht wird, und Risiken bleiben beherrschbar. Stromversorgung wird so zu einem resilienten Netzwerk – statt zu einem verwundbaren Knotenpunkt, dessen Versagen ganze Landstriche unbewohnbar machen kann.