Neue AKW sind sehr komplex und darum extrem teuer: Ein einziger Bau verschlingt rund 25 Milliarden und dauert Jahrzehnte. Mit diesem Geld könnten rund zwei Drittel aller Einfamilienhäuser in der Schweiz mit einer PV-Anlage ausgestattet werden. Die finanzielle Last für ein AKW trägt weltweit kein privater Investor. Auch in der Schweiz müsste die Zeche die Bevölkerung bezahlen – sei es durch Steuern, Stromtarife, staatliche Garantien oder durch unsichtbare Langzeitrisiken. Teuer ist alles an einem AKW: Der Bau, der Betrieb – und erst recht, ein potenzieller Super-GAU.

  • Die hohe Komplexität von AKW führt dazu, dass es am Ende immer mehr kostet und länger geht

  • Der Staat bezahlt den Bau und trägt das Finanzrisiko auch für den Betrieb und die Entsorgung des Atommülls - und für den Fall eines Unfalls

Explodierende Baukosten, endlose Bauzeiten

Ein AKW ist ein Monster-Bauprojekt. Doch damit nicht genug: Gemäss Auswertungen des international renommierten Mega-Projekt-Forschers Bent Flyvbjerg ist die Wahrscheinlichkeit einer Überschreitung der ursprünglich vorgesehenen Budgets und Bauzeit nur bei zwei Arten von Mega-Projekten grösser als bei einem Atomkraftwerk: Bei olympischen Spielen – und bei einem Tiefenlager für radioaktiver Atommüll… Das heisst: Durch den Bau eines Atomkraftwerkes bürden wir kommenden Generationen Risiken und Kosten auf, die heute kaum abschätzbar sind.

Ein Blick auf die weltweiten Neubauprojekte zeigt ein sich wiederholendes Bild:

Enorme Komplexität

Die hohen Kosten und Verzögerungen erstaunen nicht: Die ETH-Forscher Schmidt und Malhotra haben untersucht, welche Faktoren wichtig sind, damit klimaschonende Technologien weltweit schnell Verbreitung finden: Je standardisierter und je simpler, umso besser. Atomkraftwerke sind das Gegenteil davon: Die Technologie ist sowohl im Bau als auch im Betrieb äusserst komplex und jedes AKW ist eine Einzelanfertigung, das länderspezifischen Vorgaben genügen muss. Selbst wenn kleine modulare Reaktoren irgendwann einmal ab Band produziert werden können, wie sich das die Atomindustrie erträumt, wird die Schweiz-spezifische Anpassung hohe Kosten verursachen, die den Preis von nur wenigen Anlagen stark steigern wird.

Die Komplexität zeigt sich in vielem: 

  • Schon kleine technische Probleme – fehlerhafte Schweissnähte, mangelhafte Bauteile, unzureichende Dokumentation – können jahrelange Verzögerungen auslösen, da der Bau nicht vorwärts gehen kann. Genau das passierte bei Olkiluoto-3 und Flamanville-3. 

  • Sicherheitsanforderungen entwickeln sich weiter. Nach Katastrophen wie der von Fukushima Daiichi werden Vorschriften verschärft. Das ist richtig und notwendig – doch wenn sich während einer 15- bis 20-jährigen Bauphase die Regeln ändern, muss nachgebessert werden. Bereits eingebaute Teile müssen ersetzt werden, Pläne angepasst. Das kostet jedes Mal Millionen.

  • Während der Bauphase wird über lange Zeit viel Kapital investiert, ohne dass Strom verkauft werden kann. In Flamanville kamen auf die reinen Baukosten von über 13 Milliarden Euro mit über zehn Milliarden Euro fast nochmals so hohe Finanzierungskosten für Zinsen und Zinseszinsen!

  • Nur wenige Länder – insbesondere Atommächte – bauen AKW. Europäische AKW-Bauer sind kaum mehr wettbewerbsfähig, da sie seit Jahrzehnten keine AKW mehr in Serie produzieren. Die Bauprojekte sind Einzelprojekte mit hohem Koordinationsaufwand. Anders als bei Solar- oder Windanlagen gibt es kaum Skaleneffekte, die die Kosten zuverlässig senken.

All diese Faktoren führen momentan dazu, dass weltweit die Kosten für neue Atomkraftwerke trotz steigender Erfahrung weiter steigen. Dies ist extrem untypisch: Normalerweise sinken die Kosten, je häufiger ein Projekt umgesetzt wird, da aus den bisherigen Erfahrungen gelernt wird. Bei AKW ist das Gegenteil der Fall, die Fachwelt spricht von «negativen Lernkurven».

Ohne Bund und Steuerzahlende läuft nichts

Christoph Brand, CEO der Axpo, erklärte 2024 öffentlich: «Kein Schweizer Energieunternehmen würde heute in ein neues Kernkraftwerk investieren.» In einem NZZ-Interview schilderte er später, was der Bund alles zahlen und absichern müsste, damit die Axpo ein AKW bauen würde. Zusammengefasst: Es braucht ein risikoloses Wohlfühlpaket, ansonsten investiert niemand. 

Damit ist Brand auf einer Linie mit den Neubauprojekten auf aller Welt. Eine Studie des niederländischen Forschungsinstituts Profundo zeigt: Kein einziges westliches Neubauprojekt der letzten 20 Jahre wurde ohne massive staatliche Unterstützung realisiert. Die direkte staatliche Finanzierung liegt je nach Projekt zwischen 25 und 100 Prozent. Hinzu kommen staatliche Kreditgarantien, Preisgarantien für den erzeugten Strom, steuerliche Vorteile oder die Übernahme von Bau- und Marktrisiken.

Auch der Betrieb ist teuer

Ist der Bau endlich vollendet und das AKW am Netz, kostet es die Allgemeinheit weiterhin viel Geld: Auch im Betrieb sind neue AKWs auf staatliche Absicherung angewiesen. In einem Strommarkt, der zunehmend von günstiger Wind- und Solarenergie geprägt ist, schwanken die Preise stark. Doch Atomkraftwerke sind in ihrer Produktion wenig flexibel. Fällt der Strompreis, können sie nicht einfach abstellen und müssen sogar produzieren, wenn gar niemand den Strom will und fahren Verluste ein. Es sei denn, der Staat subventioniert den Betrieb –- beispielsweise, in dem er den Konsumentinnen und Konsumenten festgelegte Strompreise aufbürdet wie in England oder Finnland, oder in dem er wie in Frankreich allfällige Verluste direkt trägt.

Hinkley Point: Teure Stromrechnung garantiert

Ein besonders deutliches Beispiel ist Hinkley Point C in Grossbritannien. Dort garantiert der Staat dem Betreiber einen fixen Abnahmepreis für 35 Jahre – und zwar einen, der deutlich über dem aktuellen Marktpreis liegt. Sinkt der Marktpreis, zahlen die Stromkundinnen und Stromkunden die Differenz. Steigt der Preis, bleibt der garantierte Mindestpreis dennoch bestehen. Das Risiko trägt also die Allgemeinheit.

Stützt der Staat den Betrieb von AKW finanziell, stellt er damit automatisch andere Technologien schlechter. Dies kann beispielsweise für Wasserkraftwerke zum Problem werden, die keine Staatshilfe erhalten und dann von den AKW aus dem Markt gedrängt werden können.

Finanziert der Bund den Betrieb neuer AKW, wird dies gewisse Wasserkraftwerke aus dem Markt drängen – Bild: Die Staumauer Grande-Dixence, Jérémy Toma

Richtig teuer wird es, wenn AKW ungeplant ausfallen. Weil AKW in ihrer Produktion wenig flexibel sind, veräussern sie ihren Strom meist bereits lange im Voraus. Wenn dann aber aufgrund eines technischen Problems kein Strom produziert werden kann, müssen die AKW-Betreiber ihren Kunden den zugesagten Strom trotzdem liefern –- und müssten auf dem kurzfristigen Strommarkt teuer zukaufen. Kosten, die nicht einkalkuiert sind und an die Stromkonsumentinnen und -konsumenten weitergereicht werden. Im Fall des AKW Gösgen, das 2025/2026 knapp zehn Monate ungeplant stillstehen musste, kostete dies über eine halbe Milliarde Franken. Besonders heikel an den hohen Kosten: Gerade weil Ausfälle derart teuer werden, ist der Druck auf die Atomaufsicht riesig, Atomkraftwerke schnell wieder ans Netz zu lassen – auch wenn aus Sicherheitsgründen ein weiterer Stillstand angezeigt wäre.

Und erst ein möglicher GAU…

Richtig, richtig teuer wird es, wenn ein AKW in die Luft geht. Die Kosten für Fukushima betragen gemäss offiziellen japanischen Quellen gegen 200 Milliarden Franken. In einem Bericht aus dem Jahr 2015 bezifferte der Bundesrat das Schadenspotenzial eines Super-GAUs in der Schweiz auf 88 bis 8’000 Milliarden Schweizer Franken!

Eine Untersuchung des deutschen Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) aus 2021 kommt für Atomenergie auf Kosten von bis zu 37,8 Eurocent/kWh, wenn man diese Risiken internalisiert, d.h. entsprechend versichern würde – der höchste Wert unter allen Energieträgern.

Diagramm: Gesamtgesellschaftliche Kosten der Stromerzeugung im Jahr 2021 im Vergleich

Milliardengrab AKW

Diese Kosten liefern eine deutliche Bilanz: Atomkraft ist ein Milliardengrab mit zusätzlichen negativen Effekten – direkt bei uns zu Hause. Jeder Franken, der in Bau, Absicherung und Risiken eines neuen AKW fliesst, fehlt bei Solar- und Windprojekten, bei Speichern oder Netzausbau. 

Die Allgemeinheit muss für die Kosten neuer Atomkraftwerke aufkommen – über die Stromrechnung, Steuern und staatliche Garantien. Solar- und Windenergie werden dagegen immer günstiger und schaffen gleichzeitig Arbeitsplätze. 

Wer heute neue Atomkraft fordert, setzt auf ein riskantes, teures System, das Kapital auf Jahrzehnte bindet und die Verantwortung auf die Allgemeinheit abwälzt. Wir haben die Wahl: weiter in teure Reaktoren investieren oder in sichere, nachhaltige Energien, die unsere Strompreise langfristig senken.