Neue AKW bremsen den Ausbau der bewährten Erneuerbaren
Atomkraft ist ein Irrweg für die Schweiz: Sie bremst die Energiewende, verunsichert Investoren und kommt für den Klimaschutz zu spät. Statt die Klimakrise zu bekämpfen, verschwendet sie Zeit, Geld und Chancen für eine sichere, erneuerbare Stromzukunft.
Atomkraft blockiert Investitionen und schafft Unsicherheit.
Atomkraft passt nicht in ein erneuerbares Stromsystem.
Atomkraft untergräbt Versorgungssicherheit.
Atomkraft kommt zu spät für die Klimakrise.
Atomkraft ist nicht klimaneutral.
Atomkraft blockiert Investitionen und schafft Unsicherheit
Der Umbau des Energiesystems ist ein langfristiges Projekt. Kraftwerke werden für 20 bis 80 Jahre geplant und finanziert. Wer investiert, braucht stabile politische Rahmenbedingungen und Investitionssicherheit. Klare energiepolitische Ziele sind entscheidend.
Die Annahme der Atom-Initiative oder des Gegenvorschlags des Bundesrats wäre eine fundamentale Richtungsänderung zur heutigen Energiepolitik. Sie signalisiert: Die Energiepolitik ist wieder offen für Atomkraft. Genau diese Unsicherheit bremst Investitionen in erneuerbare Energien. Oder wie Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder es formuliert: Der Plan B Atomenergie gefährdet den Plan A – den Ausbau der Erneuerbaren.1
Die Aufhebung des AKW-Neubauverbots hat erhebliche Konsequenzen für den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion in der Schweiz, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Schweizerischen Energie-Stiftung zeigt2 .
Abbildung: Wie wirkt sich der Bau neuer Atomkraftwerke auf den Ausbau der erneuerbaren Energien aus?
Demnach ergeben sich mehrere negative Effekte auf andere Ausbauprojekte: Die Möglichkeit neuer AKW senkt die erwarteten Strommarktpreise und damit die Renditeerwartungen für Erneuerbaren-Projekte. Infolgedessen wird ein Teil der Vorhaben nicht realisiert, während für die verbleibenden Projekte die Finanzierungskosten steigen. Zudem verliert die Energiepolitik des Bundes an Fokus und Glaubwürdigkeit, was insbesondere kleine Investor:innen verunsichert, die derzeit über die Hälfte des Ausbaus verantworten. Aufgrund höherer Kosten benötigt jedes Ausbauprojekt mehr Förderung, sodass insgesamt weniger Projekte unterstützt werden können. Schliesslich stehen die finanziellen Aufwände für ein neues AKW in direkter Konkurrenz zu Investitionen in andere Ausbauprojekten, sollte tatsächlich ein AKW-Projekt vor der Realisierung stehen.
Atomkraft passt nicht in ein erneuerbares Stromsystem
Mit der Energiestrategie 2050 und dem Stromgesetz hat sich die Schweizer Stimmbevölkerung bereits mehrfach für eine vollständig erneuerbare Stromversorgung ausgesprochen. Das Stromsystem der Zukunft ist dezentral, flexibel und basiert auf unterschiedlichen Quellen. Wenn die Sonne scheint, der Wind bläst oder es regnet, produzieren Solaranlagen, Windturbinen und Flusskraftwerke zu sehr tiefen Grenzkosten viel Strom. Batterien und Speicherwasserkraftwerke stellen sicher, dass der Verbrauch zu jedem Zeitpunkt gedeckt werden kann.
Ein grosses neues Atomkraftwerk passt schlecht in dieses System. Es produziert seinen Strom ähnlich unflexibel wie die Solar- und Windkraft, jedoch zu höheren Kosten. Die Konsequenzen davon zeigt das Beispiel Finnland. Dort wurde in den letzten Jahren viel in Windkraft investiert und gleichzeitig ein neues Atomkraftwerk gebaut. Mit dessen Inbetriebnahme stieg die Anzahl Stunden im Jahr mit negativen Strommarktpreisen stark an, weil zusätzliche unflexible Kapazitäten ins Netz kamen.3 Das schmälert die Einnahmemöglichkeiten für alle Produktionsanlagen und erhöht den Bedarf an flexiblen Stromproduktionskapazitäten. Zudem sind AKW speziell unflexibel. Während Solaranlagen und Windturbinen relativ schnell vom Netz genommen werden können, dauert das Hoch- und Runterfahren bei AKW lange.
Atomkraft untergräbt Versorgungssicherheit
Auch die Versorgungssicherheit spricht gegen neue Grosskraftwerke: Laut Stresstest der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom stellt ein AKW-Ausfall das grösste Einzelrisiko für die Stromversorgung dar.4 Studien der Akademien der Wissenschaften Schweiz und der ETH Zürich zeigen zudem, dass ein neues AKW zusätzliche Reservekapazitäten erfordern würde5 – und sich ökonomisch nur unter extrem unwahrscheinlichen Importausfällen rechnen würde.6
Ein dezentrales, erneuerbares System ist widerstandsfähiger als eines, das von störungsanfälligen Grossanlagen abhängt.
Atomkraft kommt zu spät für die Klimakrise
Klimapolitik ist eine Frage der Zeit. Entscheidend ist nicht nur, wie emissionsarm eine Technologie ist – sondern wie schnell sie wirkt. Genau hier liegt das zentrale Problem der Atomkraft: Sie tut zu wenig und zu spät, um die weitere Klimaerhitzung abzuwenden.
Ein Bericht der Akademien der Wissenschaften Schweiz kommt zum Schluss: Selbst bei sofortigem Baustart und ohne Verzögerungen wäre ein neues AKW kaum vor 2050 am Netz.7 Vorher stehen nämlich politische Grundsatzentscheide, Bewilligungsverfahren und mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrere Volksabstimmungen und juristische Verfahren an. Jeder dieser Schritte braucht Zeit. Auch Branchenvertreter bestätigen das. Christoph Brand, CEO der Axpo, sagte beispielsweise: «25 Jahre nimmt ein neues Kraftwerk mit allen heutigen politischen Prozessen wohl schon in Anspruch.»8 Das bedeutet: Atomkraft würde frühestens für die nächste Generation Strom liefern.
Die Klimakrise wartet nicht bis 2050. Die Emissionen müssen jetzt sinken. Jede Verzögerung erhöht die Schäden, verschärft Extremwetter, verteuert Anpassungsmassnahmen und belastet kommende Generationen. Ein AKW, das erst 2050 ans Netz geht, kann keinen Beitrag zur Emissionsreduktion in den kommenden Jahren und Jahrzehnten leisten. Es kommt schlicht zu spät.
Atomkraft ist nicht klimaneutral
Atomstrom ist nicht klimaneutral. Im Betrieb entstehen zwar vergleichsweise wenige direkte Emissionen. Die Klimabilanz ist aber stark von vorgelagerten Prozessen abhängig – vom Uranabbau über die Anreicherung bis zum Bau massiver Beton- und Stahlstrukturen. Die wissenschaftlichen Zahlen zum Treibhausgasausstoss von Atomstrom gehen mangels Transparenz relativ weit auseinander. Im Schnitt liegen sie ungefähr auf demselben Niveau, wie für Solarstrom.
Hinzu kommen sogenannte opportunitätsbedingte Emissionen: Während der langen Planungs- und Bauphase müssen weiterhin herkömmliche, meist fossile Kraftwerke Strom liefern – obwohl schneller realisierbare Alternativen wie Solar- und Windenergie diese Emissionen vermeiden könnten. Diese „verpassten“ Einsparungen werden auf ein Mehrfaches der direkten Emissionen geschätzt.9 Dazu kommt der Wärme- und Wasserdampfeintrag in die Umwelt der Atomstromproduktion, der auch zur Klimaerhitzung beiträgt.
Zum Vergleich: Neue Solaranlagen verursachen heute in der Schweiz rund 36 g CO2eq pro Kilowattstunde produzierten Stroms mit klar sinkender Tendenz.10 Die Emissionen entstehen hauptsächlich bei der Modulproduktion. Je stärker die Produktionsländer ihre Stromsysteme dekarbonisieren, desto klimafreundlicher wird Solarstrom. Bei der Atomkraft hingegen drohen die Emissionen langfristig zu steigen, da der Uranabbau mit sinkendem Erzgehalt energieintensiver wird.
Fazit
Atomkraft schafft Unsicherheit, blockiert Investitionen in erneuerbare Energien, passt schlecht in ein flexibles Stromsystem, kommt zu spät für die Klimakrise und ist weder klimaneutral noch nachhaltig.
Sie ist keine Lösung – sondern eine Bremse für die Energiewende.
Weitere Argumente
- Rosch B (2025). «Damit gefährdet Rösti Versorgungssicherheit»: Scharfe Kritik an Bundesrat nach AKW-Wende. Watson, 14. August 2025. ↑
- Epprecht N, Hälg L (2025). Szenarien + Auswirkungen bei Zulassung neuer AKW – Politikfolgenabschätzung zur Aufhebung des AKW-Neubauverbots. Schweizerische Energie-Stiftung, 14. November 2025. ↑
- Shinde P (2024). Finland: Europe’s most volatile short-term electricity market. Montel Blog, 31. Mai 2024. ↑
- Swissgrid (2025). System Adequacy 2028, 2030 und 2035 – Technischer Bericht. Im Auftrag der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom, 19. Juni 2025. ↑
- Neu U, Markard J, Betz R, Boulouchos K, Pautz A, Stadelmann I (2025). Perspektiven für die Kernenergie in der Schweiz. Grundlagenbericht. Swiss Academies Reports 20 (5). ↑
- Darudi A, Savelsberg J, Schlecht I (2024). Thrive in sunshine, brace for thunder: Least-cost robust power system investments under political shocks. Working Paper. ZBW Leibniz Information Centre for Economics. ↑
- Neu U, Markard J, Betz R, Boulouchos K, Pautz A, Stadelmann I (2025). Perspektiven für die Kernenergie in der Schweiz. Grundlagenbericht. Swiss Academies Reports 20 (5). ↑
- Rosch B (2024). Axpo-Chef nach Beznau-Aus: «Wirtschaftlichkeit alleine war nicht der Grund». Aargauer Zeitung, 5. Dezember 2024. ↑
- Jacobson MZ (2024). Seven Reasons Why New Nuclear Energy is an Opportunity Cost That ↑
- Stucki M, Götz M, Frischknecht R (2024). Treibhausgasemissionen von Solarstrom – Ökobilanz globaler Lieferketten. Bulletin 8/2024. ↑