Am 11. März 2011 kommt es in Fukushima in drei Atomreaktoren zu einer Kernschmelze. Hunderttausende Menschen werden evakuiert. Die Katastrophe führt zu einem Paradigmenwechsel in der Schweizer Politik und schliesslich zum Atomausstieg. Während in Fukushima noch immer ganze Landstriche kontaminiert sind und die Aufräumarbeiten weitergehen, drängen die Atomlobby und der Bundesrat darauf, neue Atomkraftwerke in der Schweiz zu bauen.

  • Die Katastrophe von Fukushima 2011 hat die Gefahren der Atomkraft eindrücklich aufgezeigt – die Aufräumarbeiten dauern bis heute an. 

  • 2017 hat die Stimmbevölkerung in einer Volksabstimmung überdeutlich Ja gesagt zum Ausstieg aus der Atomenergie und zur Förderung der Erneuerbaren.

  • Auch in der Schweiz ist ein schwerer Atomunfall möglich – neue Reaktorkonzepte ändern daran nichts.

  • Die Atom-Initiative und Röstis Gegenvorschlag wollen das AKW-Neubauverbot kippen – trotz dem klaren Volksentscheid von 2017.

Der Schock von Fukushima

Als im März 2011 die Erde bebte, lösten die Erschütterungen der Stärke 9,0 auf der Richterskala einen gewaltigen Tsunami aus. Die Flutwellen türmten sich vielerorts auf über zehn Meter auf, in Extremfällen sogar auf knapp 40 Meter. Die Wassermassen drangen kilometerweit landeinwärts. Mehr als 18'000 Menschen starben im Tsunami, ganze Städte wurden ausgelöscht.

Die Wucht der Welle brach auch über das weitgehend ungeschützte Atomkraftwerk in Fukushima Daiichi herein. Sowohl die reguläre Stromversorgung als auch die Notstromaggregate fielen aus – damit war die Kühlung der Reaktoren nicht mehr gewährleistet. Erst verkündete die japanische Regierung noch, die Lage der Atomkraftwerke des Landes sei stabil, schliesslich seien alle automatisch heruntergefahren worden. Noch am selben Abend musste Premier Naoto Kan jedoch den atomaren Notfall ausrufen und tausende Bewohnende der Region evakuieren.

Ohne funktionierende Kühlung überhitzten die Brennstäbe in mehreren Reaktoren und schmolzen. Dabei bildete sich Wasserstoff, der sich entzündete und die Gebäudehüllen einzelner Reaktorblöcke zerstörte. Unmengen Radioaktivität wurden freigesetzt. Die ganze Region wurde kontaminiert, über 150'000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, landwirtschaftliche Flächen wurden unbenutzbar. Die Katastrophe erhielt schliesslich dieselbe Bewertung wie der Reaktorunfall von Tschernobyl: die höchste Stufe auf der internationalen Skala für nukleare Ereignisse.

Video zeigt die zweite Explosion im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi – Quelle: NTV Japan

Die Bilder gingen um die Welt: Evakuierte mit Schutzmasken, verzweifelte Familien, Arbeiter in weissen Schutzanzügen, die unter extremen Bedingungen versuchten, das Schlimmste zu verhindern. Viele dieser Arbeiter waren enormen Strahlenbelastungen ausgesetzt: «Wir hatten unser eigenes Überleben aufgegeben», sagte einer der Arbeiter in einem Interview  mit dem TV-Sender PBS.

Heute, genau 15 Jahre nach der Katastrophe, dauern die Aufräumarbeiten in Fukushima immer noch an – und es dürfte noch Jahrzehnte gehen, bis die 880 Tonnen radioaktives Material, ein Gemisch aus geschmolzenen Brennelementen und Reaktorteilen, abgetragen sein wird. Fachleute rechnen damit, dass der vollständige Rückbau der Anlage mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Auch wenn in Fukushima oberflächlich Ruhe eingekehrt ist: Von den zehntausenden Bewohnenden, die 2011 ihr Zuhause verloren, ist nur ein kleiner Teil zurückgekehrt. Viele Häuser stehen leer und verfallen.

Vom GAU zum Atomausstieg

Die Katastrophe in Fukushima führte zu einem Umdenken in der Schweiz. Bereits am 14. März suspendierte der Bundesrat die Bewilligungsverfahren für neue Atomkraftwerke in Mühleberg, Beznau und Gösgen. Am 25. Mai 2011, also nur zwei Monate später, beschloss er den Ausstieg aus der Atomenergie – ermöglicht von der Frauenmehrheit mit Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga sowie Energieministerin Doris Leuthard. Ein «epochaler Entscheid», wie das Schweizer Fernsehen ihn kommentierte. Demnach sollen zwar die bestehenden Kraftwerke noch laufen, solange sie den «Sicherheitskriterien genügen», neue Atomkraftwerke dürften aber nicht mehr gebaut werden.

Die Mitteparteien verhalfen dem Ausstieg aus der Atomenergie zum Erfolg. Hans Grunder, damaliger BDP-Präsident, begründete die Positionierung seiner Partei in einer ausserordentlichen Session des Parlaments damit, es würden «heute energiepolitische Weichen gestellt, für die sich die nachfolgenden Generationen, unsere Kinder und Kindeskinder, bedanken werden.»

Der damalige CVP-Präsident Christophe Darbellay unterstrich die Rolle seiner Partei und seiner Bundesrätin: «Ohne den starken Willen von Frau Leuthard im Bundesrat wäre nichts passiert, und ohne Rückendeckung der praktisch geschlossenen CVP hätten wir am Mittwoch den Atomausstieg nicht beschlossen», sagte er dem Tages-Anzeiger. Im Nationalrat warnte er zudem vor den Risiken: Von weltweit 500 Reaktoren seien in 25 Jahren 5 geschmolzen oder explodiert – «enkeltauglich» sei diese Technologie nicht mehr.

Christophe Darbellay bei der sogenannten Elefantenrunde zu den eidgenössichen Wahlen 2011 – Quelle: Wikicommons

Im Winter 2011 beauftragte das Parlament den Bundesrat auf Antrag des damaligen Walliser CVP-Nationalrats Roberto Schmidt damit, eine umfassende Energiestrategie für eine Stromversorgung ohne Atomenergie auszuarbeiten.

In der Folge erarbeiteten Bundesrat und Parlament die Energiestrategie 2050. Ihr Ziel: Raus aus der Atomenergie – hin zu einer nachhaltigen Versorgung mit einheimischen erneuerbaren Energien, effizienterer Energienutzung und Investitionen im eigenen Land. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen wurde 2016 zwar abgelehnt, doch mit der breit abgestützten Energiestrategie 2050 lag bereits ein Kompromiss vor, der den Atomausstieg beinhaltete.

Die SVP ergriff das Referendum gegen die Energiestrategie – chancenlos: 2017 nahm die Stimmbevölkerung das neue Gesetz mit deutlichen 58,2 Prozent Ja-Stimmen an. Der breite Konsens war: Wir hinterlassen späteren Generationen keine tickenden Zeitbomben in Gestalt von verletzlichen Atomkraftwerken und radioaktivem Atommüll.

«Fukushima» kann auch bei uns passieren

Die Katastrophe in Fukushima erschütterte nicht nur Japan. Wenn in einer Industrienation wie Japan ein Super-GAU möglich war – warum sollte dies hierzulande unmöglich sein?

Das AKW Mühleberg ist in Bauart und Design dem Fukushima-Daiichi-Reaktor (Siedewasserreaktor vom Typ Mark I von General Electric) am ähnlichsten. Auch wenn dieses AKW mittlerweile im Rückbau ist, ist die Schweiz noch längst nicht vor einem Unfall gefeit: In der Schweiz läuft der älteste AKW-Park der Welt, und jedes AKW zeigt seine ganz eigenen Probleme und Herausforderungen. So konnte die Schweizerische Energie-Stiftung Ende 2025 in einer Studie zeigen, dass im AKW Gösgen wichtige Sicherheitskomponenten zur Vermeidung einer Kernschmelze seit der Inbetriebnahme fehlen – sie wurden offenbar nie eingebaut. 

Von wegen sicher: Im AKW Gösgen bestehen seit Inbetriebnahme gravierende Sicherheitsmängel – Bild: AKW Gösgen, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_L1-950621

Die Sicherheit der Schweizer AKWs wird indes nicht nur durch deren Alter, sondern auch durch äussere Umstände bedroht. Dazu gehören Extremwetter, wie sie wegen des Klimawandels immer häufiger vorkommen. Ein Beispiel: Im Fall des Atomkraftwerks Beznau, das auf einer Aare-Insel gelegen ist, rückt das Hochwasserrisiko vermehrt in den Fokus. Dabei wird die Kritik laut, dass die Axpo die sich häufenden Extremereignisse eben nicht ausreichend einkalkuliert – genau wie damals in Fukushima. Gerade in der kleinen Schweiz hätte ein solcher Atomunfall immense Konsequenzen und könnte grosse Gebiete radioaktiv verseuchen.

Auch neue Reaktorkonzepte bieten keine Lösung. Befürworter verweisen gerne auf Small Modular Reactors (SMR), Flüssigsalzreaktoren oder Thorium-Konzepte. Doch diese Technologien werden seit Jahrzehnten erforscht und immer wieder verworfen: Kein einziges dieser Konzepte ist heute zugleich wirtschaftlich tragfähig, technisch ausgereift und sicherheitspolitisch unbedenklich. Die Grundrisiken bleiben bei jedem Reaktortyp dieselben: radioaktive Kontamination, ungelöste Abfallfrage und Verwundbarkeit gegenüber Naturkatastrophen, menschlichem Versagen und kriegerischen Angriffen.

«Atom-Initiative» und Gegenvorschlag aus der Küche der Atomlobby

Die Atom-Initiative wurde 2022 von SVP-nahen Kreisen lanciert. Unter dem harmlosen Titel «Jederzeit Strom für alle» will sie das Verbot für den Bau neuer Atomkraftwerke aufheben. Sie ignoriert damit den deutlichen Volksentscheid von 2017 und lanciert eine Debatte, die ins letzte Jahrhundert gehört.

Der Bundesrat – unter Federführung von Albert Rösti – erteilte dem Anliegen nicht etwa wie erwartet eine Abfuhr, sondern hat als Gegenvorschlag zur «Blackout-Initiative» eine Änderung des Kernenergiegesetzes vorgelegt, die beinhaltet, dass das seit 2018 geltende Verbot für neue Kernkraftwerke ersatzlos gestrichen werden soll. Rösti begründet diesen Kurswechsel damit, dass der Ausbau erneuerbarer Energien zu langsam vorankomme und nur mit Atom-Energie eine drohende Stromlücke vermieden werden könne. Damit legt Rösti einen Gegenvorschlag vor, der unter dem Strich dasselbe fordert wie die Initiative: den Bau neuer AKW in der Schweiz.

Das kommt nicht von ungefähr. Vor seiner Wahl in den Bundesrat bekleidete Albert Rösti über Jahre Schlüsselpositionen in energiepolitischen Lobby‑Verbänden. Von 2014 bis zur Auflösung 2018 war er Präsident der atomfreundlichen Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz (AVES), einem Netzwerk im Umfeld der Atomlobby. Zudem führte er swissoil, den Dachverband der Brennstoffhändler – den wichtigsten Lobbyverband der fossilen Heizöl‑ und Treibstoffbranche in der Schweiz. Diese Funktionen verbinden ihn über Jahre eng mit Interessen aus fossiler Energie und Kernenergie‑Netzwerken.

Kein Zurück zur Atomkraft

Nun will Bundesrat Rösti das Rad der Zeit zurückdrehen und neue Atomkraftwerke zulassen. Doch die Lehren aus Fukushima sind eindeutig: Politik und Stimmbevölkerung haben 2017 den richtigen Entscheid getroffen – für eine nachhaltige, sichere und «enkeltaugliche» Stromversorgung ohne Gefahr einer flächendeckenden radioaktiven Kontamination. Es gibt keinen Grund, diesen demokratischen Entscheid zu kippen.

Wer eine sichere Stromversorgung will, setzt auf einheimische, erneuerbare Energien. Gerade für die kleine, dicht besiedelte Schweiz bedeutet ein dezentrales Energiesystem aus Solar-, Wind- und Wasserkraft Stabilität und Unabhängigkeit – ohne kommende Generationen mit radioaktivem Abfall und unkalkulierbaren Risiken zu belasten – und ohne die Schweiz in eine teure Abhängigkeit von ausländischen Atomstaaten zu treiben. Das ist die Lehre aus Fukushima. Sie gilt heute mehr denn je.